Die Gefahr der Digital Disruption und die Rolle der Softwareentwicklung

Erstellt: 24.06.2017
Akutalisiert: 29.10.2017
von: Roberto De Simone

Digitale Kompetenzen und damit verknüpfte digitale Strategien sind zentrale Themen der heutigen Zeit. Unternehmen, welche diese Themen nicht Ernst nehmen, laufen Gefahr, von neuen Marktteilnehmern bzw. Startups disrupted zu werden: ein existierendes Geschäftsmodell wird durch ein Modell mit neuen digitalen Möglichkeiten ersetzt. Digitalisierung ist nicht auf ein Marktsegment beschränkt - Startups mit gefüllten Geldsäcken von Risikokapitalgebern und Fonds versuchen auch in die traditionellsten Geschäftsfelder einzudringen. Anwaltskanzleien z.B. werden disrupted, weil Startups anfangen, über das Internet verifizierte Standardverträge anzubieten - eine einfache und sichere Einnahmequelle geht dabei verloren. Neue digitale Ideen werden täglich kreiert. Zusätzlich suchen die IT-Giganten wie Apple, Google oder Microsoft neue Geschäftsfelder - was auch zu Disruption führt. Die Pharma- Industrie wird von den IT-Giganten disrupted, weil letztere in der Lage sind, grosse Mengen an Gesundheitsdaten zu sammeln, welche sie anschliessend für präzisere Diagnosemöglichkeiten und individuellere Behandlungen nutzen können.

Unter dem Strich hängt Digital Disruption sehr stark mit der Softwareentwicklung zusammen.

Symbolisierung der Digital Disruption, neuer digitaler Player dringt in den Markt ein

Digitalisierung ist nicht neu, aber viele Parameter haben sich verändert

Digitalisierung ist nicht neu - Unternehmen haben in der Vergangenheit sehr hart daran gearbeitet, ihre Geschäftsprozesse zu optimieren. Lieferketten (B2B) und Produktionsprozesse sind bereits heute sehr weit automatisiert. Trotzdem haben sich die Dinge verändert:

Das Verhalten der Konsumenten hat sich verändert

Konsumenten kaufen heute Produkte wie z.B. Autos über das Internet, deren Kauf über das Netz bis vor kurzem noch komplett undenkbar war.

Weiterentwicklungen in der Softwaretechnologie bieten neue Möglichkeiten

Die Softwaretechnologie entwickelt sich rasant und eröffnet neue Möglichkeiten, welche ebenfalls bis anhin undenkbar waren. Speziell zu erwähnen sind Machine Learning (ML) und Artificial Intelligence (AI). Beide Themen sind strategische Wachstumsmärkte für die IT Giganten. Das Lernen aus Daten und die Bildanalyse eröffnen enorme Möglichkeiten der Automatisierung. Dies sogar in der Administration (Backoffice).

IT-Wissen gewinnt, im Vergleich zu Geschäfts-Know How, mehr an Bedeutung

Wie gerade erwähnt, entwickelt sich die Technologie in allen möglichen Bereichen rapide. Es ist sehr schwierig mit den digitalen Leadern Schritt zu halten. Die IT wird immer komplexer und vernetzter. Profundes Wissen in verschiedensten Technologiefeldern ist gefragt. Es ist vermutlich einfacher für ein IT-Unternehmen, sich Geschäfts-Know-How anzueignen, als für ein traditionelles Unternehmen, sich das neue IT-Wissen anzueignen. Bereits heute verpflichten IT-Giganten branchenfremde Wissenschaftler.

Regulierungen sind nicht länger eine Garantie für den Schutz existierender Geschäftsfelder

Der Staat realisiert langsam, dass Startups ein entscheidender Faktor für das Vorantreiben von Innovation im Land sind. Dies führt zu einer Lockerung von Regulierungen, womit traditionelle Geschäftsfelder weniger geschützt sind. Fintech-Unternehmen z.B. erhalten in der Finanzindustrie Banklizenzen, oder Uber kämpft juristisch gegen das Taxi-Monopol an.

Startups mit disruptiven Ideen erhalten unlimitierte Finanzierungen

Die verfügbaren Geldmittel im Markt müssen investiert werden. Startups erhalten die notwendigen finanziellen Mittel, um ihr Wachstum zu finanzieren, auch wenn es Jahre dauern wird, bevor Investoren von ihren Investitionen profitieren können. Firmen wie Uber oder Tesla verbrennen Milliarden für Wachstum, und sie sind immer noch nicht profitabel. Als Nebeneffekt erhalten sogar kleine Startups traumhafte Bewertungen, in Folge derer eine Übernahme derselben sehr schwierig wird (gerade für traditionelle Unternehmen, die einen Eindringling übernehmen möchten). Ähnliches gilt für die IT-Giganten. Deren enorme Gewinne müssen reinvestiert werden, um weiteres Wachstum generieren zu können.

Erfolg stoppt Innovation

Eine Reihe von Unternehmen realisiert nicht, dass sie Gefahr läuft, disrupted zu werden - v.a. weil die Gewinne weiter am wachsen sind. Zum Teil sind diese Unternehmen auch durch Regulationen geschützt. In manchen Fällen lebt das Management auch einfach in dem Irrglauben, dass sein Geschäft vor Digital Disruption geschützt sei.

Disruption startet oftmals in Geschäftsfeldern, denen keine Beachtung geschenkt wird

Oftmals erhalten Disrupter Eintritt in ein weniger beachtetes Geschäftsfeld, von wo aus sie sich anschliessend ausbreiten. Das Hauptgeschäftsfeld frontal anzugreifen ist oftmals schwieriger, weil dies offensichtlich ist und entsprechende Gegenmassnahmen einfacher ergriffen werden können.

Wie kann der Digital Disruption begegnet werden

Digitalisierung muss auf der Topmanagement-Ebene adressiert werden

Dies ist vermutlich die wichtigste Massnahme, auf welche bereits in zahlreichen Blog Posts und Artikeln hingewiesen wurde. Die Geschäftsstrategie muss in Hinblick auf digitale Möglichkeiten und digitale Gefahren geprüft, und weniger wichtige Geschäftsfelder müssen auf Eindringlinge hin untersucht werden.

Digitalisierung erfordert einen Wandel der Unternehmenskultur

Mit der Implementierung einer digitalen Strategie muss in den meisten Fällen auch ein Wandel der Unternehmenskultur in Angriff genommen werden. Visionäres Denken muss mit digitalen Kompetenzen verknüpft werden. Mitarbeiter müssen auf die neuen digitalen Möglichkeiten vorbereitet werden, und sie müssen dementsprechend offen für einen Wandel sein. Arbeitsplätze werden verschwinden, aber gleichzeitig werden auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Ein sehr schwieriges Unterfangen für alle Unternehmen.

Digitalisierung des gesamten Kundenerlebnisses

Die gesamte Prozesskette muss analysiert werden, und für die gesamte ”Kundenreise” müssen digitale Möglichkeiten angeboten werden. Halb digitalisierte Prozesse führen zu Frustration und sind damit oftmals sinnlos.

Korrekterweise muss aber festgehalten werden, dass gesetzliche Bestimmungen oftmals der Grund für nicht vollständig digitalisierte Prozesse sind.

Die Kunden im eigenen Ökosystem behalten

Digitale Players versuchen alles, um Kunden mit komfortablen und innovativen Lösungen in ihr eigenes Ökosystem zu locken. Für ein Unternehmen mit einem traditionellen Geschäftsmodell ist es immer ein Abwägen, ob mit einem neuen digitalen Player eine Kooperation eingegangen, oder ob eigene Lösungen erstellt werden sollen. Apple Pay ist ein gutes Beispiel: es ist eine einfache, sehr schöne Lösung, welche Banken vor das Dilemma stellt, ihren Kunden diese Lösung zur Verfügung zu stellen oder aber auf Eigenentwicklungen zu setzen. Interne Lösungen riskieren dabei, im Vergleich zu digitalen Leadern unprofessionell zu wirken, wenn die Messlatte nicht auf dieselbe Höhe gesetzt wird.

Daten sollen unter eigener Kontrolle bleiben

Daten sind das neue Gold. Gleichzeitig besteht die Notwendigkeit, mit Geschäftspartnern so eng wie möglich zu kooperieren um das bestmögliche Kundenerlebnis bieten zu können. Wenn man Daten Dritten zur Verfügung stellt, muss dies zu einer Win-Win-Situation führen. Die eigene Kommerzialisierung des Kundens darf nicht aus der Hand gegeben werden.

Software-Entwicklung um die Digital Disruption zu meistern

Nachdem die digitalen Herausforderungen erkannt und digitale Strategien bestimmt wurden, kommt der Zeitpunkt der Implementierung. Software-Entwicklung bietet eine Vielzahl von Ansatzpunkten, um die digitale Strategie umzusetzen.

Website

Die Website mit den mit ihr zusammenhängenden Anwendungen ist immer noch das wichtigste Aushängeschild eines Unternehmens. Es muss sichergestellt werden, dass diese die digitalen Geschäfte mit einer ausgezeichneten Benutzererfahrung unterstützt - Benutzer vergleichen immer mit den digitalen Leadern. Mobile First Support, Geschwindigkeit und ein reibungsloser, vollständiger Workflow sind zentrale Kriterien. Es ist erstaunlich, wie viele Websites nicht diesen Anforderungen genügen.

Apps

Apps sollten so entwickelt werden, dass die Eigenschaften des Gerätes einen zusätzlichen Nutzen zur Anwendung bieten: zum Beispiel kann die Kamera des mobilen Gerätes dazu genutzt werden, Dinge zu scannen, um Augmented Reality (AR)-Anwendungen zu erstellen, oder sogar um mit Machine Learning (ML) Dinge zu interpretieren, welche mit der Kamera fokussiert werden (ML, der letzte Hype!); Sensoren des Gerätes können zur Datensammlung genutzt werden; NFC oder Bluetooth können für die Kommunikation mit der Hardware genutzt werden (siehe auch nächster Abschnitt); Spracherkennung kann als alternativer Input verwendet werden. Es gibt viele Möglichkeiten, von den Geräteeigenschaften zu profitieren. Es ist ziemlich sinnlos, Apps als Ersatz für die mobile Website zu entwickeln (die Website selber muss “best practices” für die Unterstützung von mobilen Geräten enthalten).

“Internet of Things” (IOT)

Hardware sollte intelligent gestaltet sein, damit diese mit anderen Geräten kommunizieren und auch aus der Ferne überwacht werden kann. Auf diese Weise können Prozesse wiederum vereinfacht und automatisiert werden. Datensammeln und die intelligente Auswertung dieser Daten führen wiederum zu optimierten Prozessen, von denen auch die Kunden profitieren (siehe auch “Big Data”). Wiederum können Apps dazu dienen die Hardware anzusteuern, was Benutzern einen zusätzlichen Nutzen bringt. Zurzeit gibt es im Konsumentenbereich auch einen Hype, Hardware über Sprachbefehle mit Geräten wie Amazon Echo oder Google Home zu steuern (Apple hat den HomePod angekündigt).

OpenData Platforms

Die Erstellung von APIs (Application Programming Interfaces) einerseits und die dazugehörigen Daten-Portale andererseits erlauben eine einfachere Datenintegration mit Geschäftspartnern (siehe auch weiter oben über das Dilemma der Datenteilung). Auch werden APIs für die Entwicklung eigener Apps und Web-Apps benötigt.

Datenanalyse (Big Data)

Unternehmen besitzen riesige Datenmengen, welche meistens noch ungenutzt sind. Daten können dazu genutzt werden, bessere Entscheidungen zu treffen und präzisere Massnahmen für Kunden zu ergreifen. Machine Learning (ML) und Artificial Intelligence sind dazu die Schlagworte.

Schlussfolgerung

Software-Entwicklung ist der Schlüssel um der Digital Disruption zu begegnen. Gleichzeitig ist es ein schwieriges Unterfangen, Lösungen zu entwickeln, welche denen der digitalen Leader entsprechen. Dazu braucht es weit verteiltes technisches Wissen, eine an ein verändertes Kundenverhalten angepasste Vision und eine starke Mentalität, das bestehende Geschäft neu zu erfinden!